Marian Linhart

Marian Linhart 4 600Eine Stimme, ein paar Saiten und Songs zum Davonträumen...

... und dann blieb ich stehen und sah auf zum Horizont. Auf all meinen Reisen durch endlose Musiklandschaften war ich mir eines bewusst - da war immer dieses leise Leuchten in der Naht zwischen Himmel und Erde, jene lichten Momente meines Schaffens. Ich streckte die Hand aus, als wollte ich danach greifen und plötzlich, ohne einen Schritt nach vorne zu machen, zog mich etwas hindurch in den grenzenlosen Raum zwischen den Tönen. Ja. So soll meine Musik sein: zart, verletzbar und stark.

Wie alles so kam...

Kurz nachdem ich das Licht dieser Welt erblickte, erklang, das wette ich mit euch, im Hintergrund auch Musik, wahrscheinlich Queen, Styx oder Beatles. So war es nämlich immer bei uns daheim, und der Grund dafür: meine Eltern. Deren Band Exodus erfreute sich damals in Tschechien größter Beliebtheit. Ich erinnere mich an den kränkenlden Bandbus vor unserem Haus, den fauligen Kneipengeruch der Gitarrenkoffer und wie mich zum ersten Mal das Schlagzeug bei der Probe in unserem Wohnzimmer in die Flucht getrieben hat. Doch sehr bald durfte ich zur Freude der Nachbarn selber auf die Felle hauen oder auf der Posaune einen Elephantenlaut über die Straße schicken. 

Meine Eltern waren toll. Manchmal schauten wir selbst gedrehte 8mm-Tourfilme und lachten zusammen über die Schlammbadespäße ihrer Band. Wenn sie das hier lesen, lachen sie jetzt bestimmt wieder. Irgendwann nahmen meine Eltern mich und meinen Bruder Jakub in den Film A Hard Day´s Night, woraufhin ich zum größten Beatles Fan der Welt wurde. Immer wieder versuchte ich mühsig, ihre Songs am Klavier oder Gitarre herauszuhören. Ringo, Paul, George und John klebten am Schlagzeug auf dem Dachboden und ja, sogar meine Frisur sah aus wie nach einem aufgesetzten Kochtopf geschnitten.

In den Sommerferien übte ich täglich meine ersten Akkorde, bis die Gitarre mit Blutspritzern vollgesprenkelt war. Ich träumte so sehr von einer eigenen Band und schrieb meine ersten Songs, die ich dann den Mädchen aus unserer Nachbarschaft vorsang. Ich saß auf dem Stromkasten und sie und die Vorbeigehenden warfen mir Blicke der Bewunderung zu. Wir träumten zusammen, dass ich eines Tages ein großer Star werden würde. Haha, ich liebte das :)

Die politische Situation im Ostblock, illegal besorgte Musikinstrumente aus dem Westen und Auseinandersetzungen mit dem Regime zwangen unsere Familie in den Achtzigern unerwartet zur Flucht.

Im Westen, genauer gesagt in Österreich, war es ausser unserem Zusammenhalt die Musik, die uns über schwere Zeiten hindurch brachte. Eine Dalibor Janda Kassette war mir persönlich ein Stück verlorenes Zuhause. Es öffnete sich aber eine neue Musikwelt im Radio und Videoclips im Fernsehen. A Kind of Magic von Queen hat mich verzaubert und ich mochte die Pet Shop Boys. Oh und Rick Astley ;) Kassetten aufnehmen, kennt ihr das noch? Immer quatschte der Honk von einem Moderator in den Anfang oder das Ende rein. Mein Bruder und ich schrieben Songs. Irgendwo kam eine Gitarre her und zu Weihnachten bekamen wir ein "Keyboard". Es hatte anderthalb Oktaven, keine Anschlagsdynamik und war monophon. Trotzdem waren wir darüber sehr glücklich. Aufgenommen wurde natürlich mit dem Kassettenrekorder. Immer schön gleichzeitig Play und Rec gedrücken. Kennt noch jemand das Wort Bandsalat? Wie zutreffend!

Jahr später zogen wir um nach Deutschland. Die Instrumente wurden zunehmend besser mit unseren Jobs, bald kam der erste Computer, ein Amiga. Es wurde weiter komponiert und aufgenommen, bis wir auf andere Musiker in unserer Umgebung stießen. Darauf gründeten wir unsere erste richtige Band namens Jeans Infection, später nur Infection. Bluesige Gitarre von Johannes prägte den Stil, und da uns noch ein Bassist fehlte, stieg ich um und übernahm den Gesang. Als Quartett mit Daniel am Schlagzeug nahmen wir in Eigenproduktion eine live CD im Proberaum auf. Ich weiss noch, wie glücklich wir damals waren. Mann, unser erstes Album. Eines steht noch in meinem Regal.

Ich sog alles an Musik in mich ein wie ein Schwamm. Run DMC, Beastie Boys und Public Enemy waren mein Tauchkurs in die HipHop-Welt, parallel hörte ich aber auch Guns´n´Roses, Aerosmith, Faith No More, später natürlich Nirvana, Soundgarden etc. Somit entfernte ich mich geschmacklich ziemlich von der Radiomusik. Gitarrist Boris wechselte ein für Johannes, für Daniel stieß später Goran dazu, (gefolgt von Björn und zuletzt Lothar) und wir nannten uns ab da Killing Gameshow. Unser Ziel war Eigensinnigkeit. Alles, was nach „normal“ klang, flog raus. Das Doppelalbum Unisono Cravallo Mafioso Grande brachte uns schließlich Glück, Fans und viele, viele Konzerte. Des Albums Ausnahmesong Planet End wurde mit einem wunderschönen Videoclip von Tino Latzko veredelt. Man sagte mir später, er lief seinerzeit sogar mal um 4 Uhr morgens auf  MTV. Warum hat mich denn keiner geweckt?!

Bis heute sprechen mich Fans auf Killing Gameshow an und bedanken sich für unsere Musik. Das ist sehr schön und mir persönlich ein Trostpflaster über den Zerfall der Band, nachdem mein Bruder Jakub und Gitarrist Boris zwecks Familiengpflichten leider aufhören mussten. Ich mag zwar alle Songs im Ursprung geschrieben haben, aber ohne die Zwei würde KGS definitiv niemals wieder so gut werden. Jungs, ich danke euch allen für die geile Zeit.

Mitten im Zerfall, auch meinem persönlichen nach etwa 20 Pils, sprachen mich plötzlich zwei Typen in der Kneipe an, mit dem Angebot eines Aushilfsjobs am Bass. Es waren Alex und Dominic. Zwei begnadete Rocker, hoch motiviert, hungrig und voller Ideen. Keine drei Wochen später folgte der erste Auftritt von Del Moe und danach sieben Jahre Tourleben.

In einer Phase Del Moes mussten wir über längere Zeit ohne Drummer Dominic auskommen. Ich glaube, es war 2007. Alex und ich haben uns im Proberaum die Gitarren gegriffen und einfach unverzerrt einige unserer Lieblingslieder angerissen. Dies war innerlich meine kleine Rückkehr zur kommerziellen Musik. Einfach mal entspannen und ein paar Proberaumgäste erfreuen, das war cool. Jemand hat sich draussen für uns eingesetzt, sodass wir recht unvorbereitet einen Tag vor Weihnachten für ein Konzert im Brauhaus Oberursel engagiert wurden. "Ausverkauft" stand draussen an der Tafel und drinnen war es warm und eng wie noch nie! Ein tolles Weihnachtsgeschenk. Im Frühjahr gewannen wir dann mit eigenem Material einen Singer-Songwriter Wettbewerb.

Nach Dominics Rückkehr konzentrierten wir uns wieder auf die Band und hatten wunderbare Zeiten voller Rock´n´roll. Das Album Die High Butterfly kam sehr gut an, live wurden wir unschlagbar, und die Gigs gewannen vor allem in meinem ehemaligen Heimatland Tschechien an Größe. So spielten wir irgendwann im Vorprogramm von Sepultura, Dog Eat Dog, Krucipüsk oder Vypsana Fixa. Einmal sprach mich jemand irgendwo ganz weit weg im Osten an: "Du bist der Sohn von Slavo und Marcela? Richte mal schöne Grüße aus, wir waren große Exodus-Fans. Wundervoll, dass jetzt noch deren Kinder für uns Musik machen". Das hat mich umgehauen.

Freundschaften, Bekanntschaften und Beziehungen kamen und gingen, die Musik blieb immer bei mir. Del Moe wurden ein fester Teil meines Lebens. Harte, groovige Gitarrenmusik wird mich wahscheinlich für immer begeistern. Doch in meinen leisen Momenten auf Tour oder in Hotels entdeckte ich zunehmend etwas in mir wieder, woraufhin ich zur Akustik-Gitarre griff und begann, mich auf meine Wurzeln zu besinnen. Songideen und Texte, die sich in der Band hätten nicht verwenden lassen, kamen mir nur so zugeflogen. Melodien gewoben aus den leichtesten Tönen, dazu Texte, angreifbar und mutig. Zitternd spielte ich sie vor, mit geschlossenen Augen. Als ich die Augen öffnete, sah ich in den Gesichtern meiner Zuhörer etwas Unbeschreibliches. Ich wusste sofort: Das ist es! Auf unserem alljährlichen Festival Huka He 2011 nahm ich all meinen Mut zusammen und stieg im Vorprogramm wieder wie einst ganz alleine mit Gitarre als Marian Linhart „auf den Stromkasten“. Hui, war ich aufgeregt. Wie seit Jahren nicht mehr!

Eine längere Schaffens- und Orientierungspause seitens Alex und Dominic brachte mir Zeit, meine Ideen zu einem Album heranwachsen zu lassen. So strürzte ich mich also in die Sun She Produktion. Teils nahm ich im Proberaum auf, teils daheim im Bett, während meine Freundin neben mir gelesen hat. Irgendwo auf den Aufnahmen sind sogar unsere zwei Katzen zu hören. Im Vergleich zum Proberaum, wo man sich vorkommt wie der einsamste Mensch im Weltall, hat die heimische Gemütlichkeit dem Album einfach gut getan. Es startet lebendig mit Esmeralda, danach folgen die zarten, luftigen Stücke. Doch keine Angst, ab der Hälfte gewinnen die Songs wieder an Tempo und Druck. Es ein wunderbares Sommeralbum geworden, wie ich finde, und bin überglücklich, es nun mit euch endlich teilen zu können. Den Rest könnt ihr gerne selbst beurteilen und mir, sowie anderen Besuchern, vielleicht ein paar Worte in der Meinungen-Rubrik schreiben.

Möge euch Sun She über lange Zeit viel Freude bereiten.