gewidmet: Hermann Hesse

b_200_0_16777215_00_images_ghh_cover_600.jpgDem Meister gewidmet

 

Das Winnender Label 7Music veröffentlicht einen Sampler mit Musik rund um Hermann Hesse

 

Fünfzehn Jahre nach der ersten Ausgabe veröffentlicht das Winnender Label 7Music einen weiteren Sampler, bei dem sich alles um eine ganz besondere Idee dreht: Den Worten, Gedanken und Prinzipien Hermann Hesses durch Musik eine neue Gestalt zu verleihen. Die Werke des Schriftstellers sind somit nicht nur Resultat inspirierender Eingebungen, sondern in diesem Fall auch Quelle und Anreiz schöpferischer Prozesse. Auf „Gewidmet: Hermann Hesse“ sind neben neuen Liedern auch die Stücke der Preisträger des im Jahre 2002 zur Feier von Hesses 125. Geburtstag ausgerufenen Songcontests vertreten.

Dass Hermann Hesse heutzutage als einer der ganz Großen gilt, darüber ist die Welt sich einig. Dabei verlaufen die frühen Jahre seines Lebens alles andere als vielversprechend. Er ist depressiv, rebellisch und wird schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Wieder genesen, kehrt er zwar ans Gymnasium zurück, bricht die Schule jedoch vor dem Abitur ab und macht eine Lehre zum Buchhändler. Glücklich ist er mit diesem Werdegang nicht. Es brodelt in ihm und dieses Brodeln will er hinaustragen in die Welt. Seine ersten literarischen Gehversuche sind finanzielle Misserfolge. Kaum einer will lesen, was der junge Mann zu sagen hat. Doch er kann nicht anders als zu schreiben, will „Dichter werden oder gar nichts“, wie er sagt. Ein paar Jahrzehnte später ist er einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. Auch im Ausland finden Menschen in den ätherischen Zeilen des Siddhartha Trost und Inspiration oder tauchen im Steppenwolf ein in das gespaltene, zerrissene und in alle Richtungen strebende Seelenleben des Harry Haller. Hesses Literatur lebt und atmet, ist in vielerlei Hinsicht aktueller denn je. Grund genug für Labelinhaber Hans Derer, die Siegersongs des Calwer Songcontests, der im Rahmen von Hesses 125. Geburtstag abgehalten wird, zu einem Sampler zusammenzufassen. Die Zusammenstellung „Never Sell Your Soul“ erscheint im Jahr 2002 und enthält neben den Beiträgen zum Contest auch Stücke bekannter Künstler wie Freundeskreis, Clueso oder Afrob. Bemerkenswert ist, dass das von Derer ins Leben gerufene Projekt durchaus als geistiger Vater der im Jahre 2006 gegründeten Udo-Lindenberg-Stiftung gelten kann. Mit seiner Stiftung will der Panikmusiker junge Musiker dazu inspirieren, sich mit Hesse künstlerisch auseinanderzusetzen.

Derers erster Kontakt mit Hermann Hesse ist der Sampler „Never Sell Your Soul“ allerdings nicht. Bereits mehr als zwei Jahrzehnte zuvor ist er schon einmal maßgeblich daran beteiligt, des Dichters  Werk mit Musik verschmelzen zu lassen: Bei der Vertonung des Märchens „Piktors Verwandlungen“ durch die Progressive-Rock-Band „Anyone‘s Daughter“ wirkt er als Ideengeber mit.

Der Dichter scheint Derer nachhaltig beeindruckt zu haben. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass nun ein zweiter Sampler erscheint, auf dem wiederum Künstlerinnen und Künstler versammelt sind, die sich mit Hesses Denken und Wirken auseinandergesetzt haben. Dass eine intensive Beschäftigung mit dem Schriftsteller stattgefunden hat, wird bereits beim ersten Durchlauf von „Gewidmet: Hermann Hesse“ klar: Hesse steckt meist zwischen den Zeilen, ist in Strophe und Refrain vergraben. Zitieren kann jeder, doch es gehört einiges dazu, sich Kunst so zu eigen zu machen, dass etwas gänzlich Neues, Eigenständiges entsteht. Die Qualität ist dementsprechend hoch, ebenso wie die Bandbreite. Es spricht schon für sich, dass die Highlights der Platte unterschiedlicher nicht klingen könnten.

So kombiniert der Tübinger Singer/Songwriter Tobias Haase in seinem Stück „Ich träume … Du träumst“ zurückgenommene Zupfgitarren mit seiner angenehm kratzigen Stimme. Eindrucksvoll skizziert er die Trübsal eines Trauernden, der den Traum als Rückzugsort, als Gelegenheit zur zeitweiligen Flucht vor dem Alltag nutzt.

Die Karlsruher Band Schein 23 fährt im Vergleich dazu eine ganz andere Schiene. In großen Teilen ihres Songs „Immer“ flirren effektbeladene Post-Rock-Gitarren umher, die Sänger Daniel Schuch als Fundament für einen vieldeutigen, gesprochenen Monolog benutzt. Sein drängender Vortrag beschreibt das Gefühl der Verlorenheit im Hier und Jetzt und den Wunsch nach planmäßiger Veränderung. Doch die Zukunft liegt im Nebel, den man nur lichten kann, indem man sich in ihn hineinbegibt. Was am anderen Ende wartet, weiß vorher keiner. Einige Male rutscht das Quartett unvermittelt in verzerrte Gefilde ab – dem Hörer werden ein paar Takte lang dissonante Akkorde um die Ohren gehauen, bevor der Drehzahlmesser wieder in den grünen Bereich rutscht. Ein beeindruckender Song fernab jeglicher Konventionen.

Auch Strichpunkt aus Freiburg erzählen in ihrem Song „Wieder fliegen“ eine wahre Gruselgeschichte: Das Leben gerät in geordnete Bahnen, die Ziellosigkeit und der Zauber der Jugend verschwinden. Dort, wo einst alles farbig war, erkennt man allenfalls noch Graustufen. Der Mensch verliert sich im Alltagstrott und vergisst langsam, was wirklich wichtig ist: Sich auch als Erwachsener die Faszination am bloßen Dasein und somit ein Stück Kindlichkeit zu bewahren.

Martell beziehen sich hingegen explizit auf Hesse. Die minimalistische Drum Machine und der wummernde Bass verleihen ihrer Vertonung des Gedichts „Es wir dir sonderbar erscheinen“ eine kalte, fast schon bedrückende Atmosphäre, die durch die sanfte Stimme im selben Moment unterlaufen wird. Diese Ambivalenz findet sich auch im Text wieder – der Gedanke an die Kindheit löst beim lyrischen Ich ein Gefühl des Heimwehs aus, das unmöglich zu tilgen ist. Es sehnt sich zurück in die Zeit, die so viel unbeschwerter war. Doch statt in der Erinnerung Trost zu finden, verstärkt sich nur die Sehnsucht. Ein Teufelskreis.

Die insgesamt vierzehn Songs auf dem Sampler „Gewidmet: Hermann Hesse“ zeigen: Die Beschäftigung mit großer Kunst kann wiederum dazu führen, dass Werke von beeindruckender Schönheit entstehen. Außerdem wird klar: Hesse und seine Schriften wirken bis in unsere Zeit nach und haben nichts von ihrem Glanz und ihrer Tiefe verloren.