Dramagold: Zeitlose Poesie in Pop

Dramagold Die Heiligsprechung des Alltags Coverlow1995 produziert Sven Regener ein poetisches Meisterwerk, erst 21 Jahre später schafft es die Charts: Dramagold mit "Die Heiligsprechung des Alltags". Das wunderschöne Album, verpackt in einer Hanf-Hülle, läutete den Siegeszug einer Neuen Deutschen PopRomantik ein - doch während Bands wie Element of Crime oder Poems for Laila Erfolge feierten, löste sich Dramagold aus dem Bodenseeraum viel zu früh auf. Kommt jetzt die späte Würdigung ?      

In Grönland schwitzen die Eisbären, im Internet kann jeder erfahren, ob die Kaffeemaschine in der Bodleian Library in Oxford gerade voll ist, in China läuft ein Spielzeug-Roboter Amok – und fünf Musiker vom Bodensee besingen den Frühlingsjahrmarkt hinterm Haus, ein bescheidenes Leben am Frühstückstisch und das Gurren eines Schwanes, der von den Einsamen am Ufer verfolgt wird.

Während die Welt zwischen zigtausend Kilometern binnen Sekunden wahnwitzig hin und her springt, erzählen DRAMAGOLD auf „Die Heiligsprechung des Alltags“ Geschichten aus ihrem Viertel – einem Ort, an dem Alltägliches die Hauptrolle spielt und kleine Gesten zu ungeahnter Größe kommen.

Den Soundtrack hierzu bilden die Lieder von Rolf Gentner und Tom Vuk, die zeigen, dass DRAMAGOLD, aufgewachsen mit anglo-amerikanischer Rock und Popmusik, Punk, Beat & Soul, sich nun mit spielerischer Leichtigkeit in einer europäischen Musiktradition verorten, mit Einflüssen aus französischem Chanson, alpinen Wurzeln und Balkanfolklore. Kein Wiener darf mehr den Walzer für sich allein beanspruchen und auch deftige Marschmusik-Klänge lassen sich im wechselnden Stimmungsbild der Band vernehmen: ein musikalisches Hoch auf die Vielfalt der Kulturen in Europa. 1995 so noch nie gehört – 2016 aktueller denn je.

Sänger Peter Vuk führt mit kleinen Geschichten durch die Lieder, vermittelt dem geschriebenen Wort Ausdruckskraft und Leben. Lyrische Passagen werden von Rolf Gentners vorlauten Gitarrenakkorden und Tom Vuks wuchtigen Schlagzeugeinsätzen abgelöst, denen Akkordeon (Mike Lindauer) und Trompete (Michael Och) unberechenbare Melodien beisteuern. Mit einer wohldosierten Portion Wehmut, voller Temperament, gepaart mit spielerischer Power und spannend bis zum Schluss verzaubern DRAMAGOLD den Hörer mit ihrem ganz normalen Irsinn. Das ist kein Easy-Listening, sondern verwirrend, betörend und zeitlos gutes Entertainment – produziert von Sven Regener (Element of Crime) im Berliner Vielklang Studio.

1995 erschien „Die Heiligsprechung des Alltags“ beim DESHIMA Music erstmals als CD in einem aufwändig gestalteten Cover, komplett hergestellt aus Hanfpapier, einerseits als Reminiszenz an Zeiten, als Tonträger und Cover noch ein Gesamtkunstwerk bildeten. Andererseits damals der erste Schritt in eine Zukunft ohne massenweise Abrodung von Wäldern und umweltschädlicher Herstellung von herkömmlichem Papier – und auch Rückbesinnung auf eine Jahrhunderte alte europäische Kulturpflanze. DRAMAGOLD hatten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf vielschichtige Art und Weise im Blick.

Musikpresse und Feuilleton (u.a. Frankfurter Rundschau) horchten auf. Von einer „Neuen deutschen Romantik“ war die Rede. DRAMAGOLD wurden in einem Atemzug mit „Rosenstolz“ oder „Poems for Laila“ genannt. Sie tourten sie als deutscher Kulturexport durch Usbekistan (als erste westliche Rockband überhaupt!), Litauen, die USA und Afrika und erweiterten dadurch ihren musikalischen Horizont. Sie spielten mit den „Sternen“ der „Nationalgalerie“, den „Leningrad Cowboys“. Kontakte nach Amerika machten 1996 auch den exklusiven DRAMAGOLD-Beitrag "You Yes Yes Yes You Reprise" auf dem Residents-Tribute Sampler "Eyesore" möglich, wo man sich neben Stan Ridgeway, Cracker, Snakefinger und Primus in bester Gesellschaft der Popavantgarde befand und weltweit Gehör fand.

1996 dann verließ Komponist, Texter und Schlagzeuger Tom Vuk die Band. Fünf Jahre später erschien das zweite Album "Flieger". Danach wurde es ruhig um DRAMAGOLD.

Im Herbst 2016 – 21 Jahre nach Veröffentlichung wird „Die Heiligsprechung des Alltags“ erneut veröffentlicht – diesmal digital beim Label D7 auf spotify, amazon, iTunes und weiteren Streamingdiensten – einmal mehr ein Beleg für die Zeitlosigkeit der Musik, der Einflüsse, Bilder und Geschichten und als Erinnerung an den 2013 viel zu früh verstorbenen Rolf Gentner.

Am 15. Dezember schaffte das Album den Sprung in die Top100 der Amazon-Charts.